Psychische Probleme „mehr als man glaubt“

3 days ago
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Psychische Probleme „mehr als man glaubt“

Nach beinahe zwei Jahren Pandemie sind viele Menschen ausgelaugt, nervlich angespannt oder sogar ernsthaft psychisch erkrankt. Die Folgen von Unsicherheit, Isolation und zunehmender Spaltung ziehen sich durch alle Altersgruppen und haben mittlerweile selbst die Jüngsten erreicht.

Zuletzt zeichneten die Ergebnisse einer Studie der Donau Universität Krems ein klares und zugleich warnendes Bild. Studienautor Christoph Pieh zufolge hätten sich depressive Symptome, Angstsymptome aber auch Schlafstörungen bei Jugendlichen seit Pandemiebeginn mittlerweile verfünf- bis verzehnfacht.

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Auf die psychischen Gefahren nicht vergessen

Dass neben der körperlichen Risiken des Coronavirus nicht auf die psychischen Gefahren vergessen werden dürfe, hat auch der klinische und Gesundheitspsychologe Norman Schmid zuletzt mehrfach betont. Der Leiter des Berufsverbandes österreichischer Psychologinnen und Psychologen hat in seiner Praxis in St. Pölten mit immer mehr Menschen zu tun, die mit der Pandemie mittlerweile nicht mehr zurechtkommen. Im Gespräch mit noe.ORF.at sagt er, dass es weit mehr seien, als die meisten vermuten würden.

noe.ORF.at: In Interviews haben sie seit Beginn der Pandemie immer wieder gesagt, man müsse die Pandemie auch lernen zu vergessen bzw. auszublenden. Wie ist das jetzt nach fast zwei Jahren – angesichts steigender Zahlen – überhaupt möglich?

Norman Schmid: Unterschiedlich gut! In manchen Phasen geht es besser, in anderen schlechter. Wenn wir uns zurückerinnern: Im letzte Sommer sowie im Sommer davor hatten viele Menschen die Pandemie einigermaßen vergessen. Das war sehr gut für die Psyche. Mit Ende des Sommers, Anfang Herbst war es vielleicht nicht mehr ganz so günstig, was den Verlauf des Pandemiegeschehens betrifft, aber für die psychische Erholung war er sehr gut.

Mit steigenden Zahlen, mit der Veränderung von Mutationen und ähnlichem wird es deutlich schwieriger, denn das macht etwas mit unserer Psyche. Alles, was neu und potenziell bedrohlich ist, fesselt unsere Aufmerksamkeit. Dann wollen wir mehr Informationen haben, damit wir mehr Orientierung bekommen, damit wir wissen, was passiert. Leider ist es mit der Pandemie so, dass die Sicherheit immer nur kurz währt, bevor eine neue Unsicherheit kommt und mit neuer Unsicherheit kommen gewisse Ängste. Da ist es dann schwieriger, so etwas auszublenden. Aber auch in diesen Phasen und ganz aktuell ist es entscheidend, dass man die Informationen bündelt, komprimiert und dann auch wieder auf die Seite schiebt und sich mit etwas ganz Anderem beschäftigt.

noe.ORF.at: Die Diskussionen über die Covid-Maßnahmen und über die Impfung ziehen mittlerweile tiefe Gräben – nicht nur in der Gesellschaft, auch in den Familien. Konflikte führen so weit, dass sich Partner trennen, Familien zerstreiten. Wie geht man damit um?

Schmid: Da braucht es verschiedene Zugänge. Der erste Zugang ist etwas mehr Toleranz bzw. mehr Verständnis füreinander – auch für verschiedene Meinungen und Standpunkte. Die Argumente von verschiedenen Seiten sind in einigen Teilen plausibel und stimmig. Da gibt es einerseits genügend Argumente für diejenigen, die die Impfung befürworten und andererseits gibt es jene, die eher zögerlich sind und Sorge haben, dass durch eine Impfung etwas passieren könnte, entweder weil sie eigene Erfahrungen hatten, oder von anderen gehört haben, dass es vielleicht irgendwelche Probleme gegeben hätte.

Was jetzt in solchen Gesprächen wichtig ist, ist bei der Sache und beim Thema zu bleiben. Man kann durchaus ernsthafter oder auch etwas strenger über die Sache diskutieren, aber man soll weich zur Person bleiben und nicht die Person verurteilen. Die Impfung ist ein Thema, aber nicht wir als Personen sind die Impfung. Sie ist lediglich ein kleiner Aspekt, ein Verhalten, je nachdem ob wir uns dafür oder dagegen entscheiden. Mit den Konsequenzen, die sich ergeben, wenn man nicht geimpft ist und Einschränkungen hat, muss man umgehen.

ORF Um psychisch gesund zu bleiben, muss man sich Lebensbereiche suchen, die man trotz der Pandemie genießen kann, rät Schmid

noe.ORF.at: Sie sind auch Leiter des Berufsverbandes der Psychologen in Niederösterreich. Wie stark ist die Nachfrage nach Therapien gerade in den letzten beiden Jahren der Pandemie gestiegen?

Schmid: Sie hat sehr stark zugenommen. Die Häufigkeit von psychischen Erkrankungen und psychischen Störungen ist augenscheinlich. Fast ein Viertel der Bevölkerung ist davon betroffen, was man im Normalfall nicht glaubt, weil viele denken, dass es sich dabei um etwas ganz Seltenes handeln würde. Ängste, Depressionen, Schlafbeschwerden, psychosomatische Beschwerden kennt kurzfristig fast jeder Mensch, jeder zweite Mensch hat das irgendwann in seinem Leben.

Über Jahrzehnte war die Häufigkeit konstant – bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Das ist wirklich das erste Mal nach dem zweiten Weltkrieg, dass psychische Beschwerden dramatisch zugenommen haben. Bei den Kindern und Jugendlichen ist fast jeder Zweite davon betroffen. Aber auch die Eltern sind etwa durch Home-Schooling ganz schön gefordert. Leider hat das enorm zugenommen.

noe.ORF.at: Immer wieder hat es schon geheißen, wir hätten es nun mit der letzten Welle oder dem letzten Lockdown zu tun, danach sei alles ausgestanden. Mittlerweile geht man davon aus, das die Pandemie im Herbst vorbei sein könnte. Wie lange könne wir mit ihr leben?

Schmid: Das Ziel ist jetzt nicht, darauf zu warten, dass die Pandemie zu Ende ist. Damit würde man sich ein Ziel setzen und im Herbst vielleicht frustrieren, wenn es nicht gelingt. Wir alle wünschen uns das, das ist gar keine Frage. Die Epidemiologen sagen auch, dass jede Pandemie irgendwann einmal aufhört. Die spanische Grippe hat nach ihrem Ausbruch 1918 auch nach ein paar Jahren aufgehört, insofern wird es langsam Zeit, dass auch diese Pandemie aufhört.

Die Chancen stehen ganz gut, glaube ich. Dennoch: Wenn es nicht so sein sollte, kann man sehr viel machen, um das Leben dennoch zu genießen. Von Jane Austen gibt es einen wunderbaren Spruch, den ich gerne zitiere: " Auch wenn uns das eine oder andere fehlen mag, sollte es uns nicht daran hindern, das Leben in vollen Zügen zu genießen." Das ist natürlich überspitzt, in vollen Zügen kann man es nur genießen, wenn man keine Masken mehr auf hat, aber wir können dennoch vieles genießen.

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